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Historische Originaldokumente. Fotos: Agentur Angelos, Archiv H. Süßmeier, Kristina Kargl, Fam. Kress-del Bondio, Dr. B. W., privat

Historische Originaldokumente. Fotos: Agentur Angelos, Archiv H. Süßmeier,
Kristina Kargl, Fam. Kress-del Bondio, Dr. B. W., privat

Nach langem Suchen endlich gefunden: Die neue Doppel-Grabstätte derer zu Reventlow - links: Contessa Franziska Reventlow / rechts: Rudolfo Reventlow. Die Gräfin liebte frische Blumen – das soll auch an der Grabstätte so sein! Herbert Süßmeiers Archiv Reventlow kümmert sich darum

Nach langem Suchen endlich gefunden: Die neue Doppel-Grabstätte derer zu Reventlow - links: Contessa Franziska Reventlow / rechts: Rudolfo Reventlow. Die Gräfin liebte frische Blumen – das soll auch an der Grabstätte so sein!
Herbert Süßmeiers Archiv Reventlow kümmert sich darum.

Unvergessen und geliebt bis zum heutigen Tag
Franziska Gräfin zu Reventlow
Zum 101. Todestag der Malerin, Avantgardistin und
unerschrockenen Schriftstellerin aus Schwabing


Von Dustin Broomery
Ja, München liebt „seine Gräfin“ nach wie vor: Die Acapella-Gruppe Rock 4 hat ihr bei ihrem letzten München-Konzert ein Lied gewidmet, die Honeysuckle Beatlemaniacs sogar ein Geburtstags-Ständchen auf Vinyl-Platte pressen lassen und die Veranstaltungen zu ihren Werken sind stets ausverkauft.

So auch die Lesung im Café Glanz zur aktuellen Veröffentlichung „Die Kehrseite des deutschen Wunders - Franziska zu Reventlow und der 1. Weltkrieg“ der Autoren Kargl/Fromm. Zum Vortrag kam ein völlig unbekannter Aufsatz aus der Feder der bekannten Schwabinger Bohèmienne Franziska zu Reventlow „Die Kehrseite des deutschen Wunders“, in dem sie nicht nur ihre Ansichten zum 1. Weltkrieg, sondern auch zu Militarismus und Nationalismus freimütig äußert und in dem sie ihre Mitwirkung bei der Desertion ihres geliebten Sohnes Rolf, den sie alleine großgezogen hat, aus der deutschen Armee schildert.

Was es mit diesem eigenwilligen Titel und der Entdeckung des Aufsatzes auf sich hatte, erklärten die beiden Autoren, die Literaturwissenschaftlerin Dr. Kristina Kargl und Prof. Waldemar Fromm. Vor einigen Jahren wurde wohl bei Recherchen im Archiv der Universität von Austin/Texas im Nachlass von Henri-Pierre Roché ein bislang unbekannter Aufsatz der Gräfin entdeckt, den diese in französischer Sprache für ihren Freund und ehemaligen Geliebten geschrieben hatte. „Das war auch für mich neu“, so Herbert Süßmeier, der sich seit einigen Jahren den Arbeiten und Nachlass-Funden der Gräfin widmet und schon das eine oder andere seltene Sammlerstück aufspüren konnte.

Besonders erfrischend auch die vielen, größtenteils unbekannten Details aus der Familiengeschichte, die von der anwesenden Urenkelin von Franziska zu Reventlow, Andrea del Bondio, mit trockenem Humor beigesteuert wurden. Sie hatte den ersten Kontakt zum Archiv in Austin vermittelt und um eine deutsche Übersetzung und Veröffentlichung
des Textes gebeten.

In der einstündigen Lesung aus diesem Buch kam aber vor allem Franziska zu Reventlow selbst zu Wort: Sie erzählt in der ihr eigenen ironisch-distanzierten Form von ihrer Familie. Sie schildert die preußisch-strenge Erziehung durch die deutsche Mutter, den Humor des dänischen Vaters und ihre Verbundenheit mit Ludwig, dem ältesten Bruder, dem sie als Kind alles anvertrauen konnte und der als einziger der Brüder zu ihr hielt, als sie aus dem Elternhaus vertrieben wurde.

1895 kommt sie nach Schwabing. München ist zu dieser Zeit, wozu Berlin in den 1980ern wird: das Mekka der Avantgarde. Hier leben die Schriftsteller Heinrich und Thomas Mann, Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke sowie der Philosoph Ludwig Klages. Zu ihnen gesellen sich bildende Künstler aus ganz Europa. Und der Schwabinger Fasching ist so berühmt-berüchtigt wie heute das Oktoberfest.

Die Künstler lieben die charmante Frau, die mittlerweile einen Sohn, Rolf (1897 – 1981), bekommen hat und den Vater offensiv verheimlicht. Sie sehen in ihr eine moderne Madonna, mütterlich und verrucht zugleich. Rilke wirft ihr jeden Morgen ein Gedicht in den Briefkasten, andere halten sie aus. Als sie in der Kaulbachstraße 63 mit zwei Männern eine WG gründet, ist das ein Skandal – über den sie jedoch nur lacht. Doch kaum einer weiß, dass die Gräfin auch mit schweren Depressionen ringt.

Besonders interessant schildert Franziska zu Reventlow ihre zwei Besuche Münchens aus ihrem Wohnsitz in der Schweiz während des Ersten Weltkrieges 1914 und 1916. Da sie aus finanziellen Gründen eine Scheinheirat mit einem russischen Baron eingegangen war, hatte sie mit ihrem russischen Pass große Probleme sowohl bei der Einreise nach Deutschland, als auch bei der Ausreise, die sie humorvoll schildert, doch das München, das sie bei ihren Besuchen vorfindet, ist nicht mehr das München, das sie kennt und liebt („Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“). Deprimierend die Situation zu Kriegsbeginn in München, als sie sogar ihre ehemaligen Bohème-Freunde in wahrem Kriegstaumel erleben muss. Von der Atmosphäre der Stadt, die zu einer anderen Zeit die freieste, fröhlichste, die antipreußischste, die kosmopolitischste Deutschlands gewesen sei, sei nichts mehr übrig geblieben, berichtet sie. „Die Freunde, die Meinungen, die Geschmäcker sind nicht mehr zu verstehen“. München lebe in der Überzeugung, dass sich die ganze Welt auf das „friedliche Vaterland“ gestürzt habe, um es ohne Grund zu zerstören.

Die ehemaligen Freunde, die sie in München traf, schienen von einer „Gehirnerweichung befallen“ und man verstand einander nicht mehr. Wenn sie deren Teutonismus verspottete oder zugab, dass ihr diese Kriegsraserei nicht gefiel und sie im Krieg keinen gerechten und heiligen Sinn sehen könne und keine Lust hätte, ihren Sohn daran teilnehmen zu lassen, erntete sie absolutes Unverständnis. Doch Sohn Rolf wird zum Militärdienst eingezogen.

Von der Front erhält sie nur wenige Nachrichten ihres Sohnes in die Schweiz. Sie betont, keine Heldenmutter zu sein und steht große Ängste um Rolf aus. Als ein junger Mann aus München sie zur Spionage überreden will, da ihr Name und ihre soziale Stellung beste Voraussetzungen dafür seien, lehnt sie vehement ab, kommt aber dadurch auf die Idee, ihren Sohn dieser Kriegsmaschinerie zu entreißen und ihm zur Desertion zu verhelfen. Nun erkundet sie ausführlich die örtlichen Verhältnisse am Bodensee, wo die Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen schmal ist und eine Flucht zu bewerkstelligen. Sie verhandelt mit Schmugglern und anderen zwielichtigen Personen, die ihr die Organisation an der Grenze und die Verhältnisse der Wachposten und -boote erklären. Schließlich hat sie alle möglichen Fluchtrouten ausgeklügelt und trifft sich mit ihrem Sohn, der Urlaub beantragt hat, an der Grenze.

Zu ihrer großen Erleichterung ist er mit der Flucht sofort einverstanden, doch keine ihrer Planungen führt letztendlich zum Erfolg. Vergebens wartet sie in Kreuzlingen auf ihren Sohn. Am letztmöglichen Tag rudert er selbst unter Beschuss der deutschen Grenzsoldaten todesmutig über den Bodensee, und sie kann ihn überglücklich in die Arme schließen. Leider darf er als Deserteur nicht bei seiner Mutter im Tessin leben, und ihre kurze gemeinsame Zeit endet bald darauf, als Franziska zu Reventlow nach einem Fahrradunfall 1918 stirbt.

Ihr vorbildlicher Drang nach Unabhängigkeit und ihr freizügiges Denken leben weiter. Schließlich war Franziska zu Reventlow die Emanzipation in Person. Sie forderte nicht nur die sexuelle Selbstbestimmung der Frau. Ihr war ihre Unabhängigkeit sogar so wichtig, dass sie aus freien Stücken zur Pionierin aller Alleinerziehenden wurde. „Doch meine Ur-Großmutter hätte sehr gerne eine glückliche Beziehung gehabt“ so Andrea del Bondio weiter, „und genug Geld, um ein ruhigeres Leben zu führen.“ In ihrem Vogelsteller-Turm bei Ascona war ihr das wohl zumindest am Ende ihres Lebens etwas vergönnt, notierte sie doch über das Altwerden und das leidige Thema Altersvorsorge: „Die beste Vorsorge fürs Alter ist jedenfalls, dass man sich jetzt nichts entgehen lässt, was Freude macht, so intensiv wie möglich lebt.“

Freuen sich über die gelungene Lesung im Cafe Glanz: Andrea del Bondio, Urenkelin von Franziska zu Reventlow und Herbert Süßmeier, Reventlow-Archivar

Freuen sich über die gelungene Lesung im Cafe Glanz: Andrea del Bondio, Urenkelin von Franziska zu Reventlow und Herbert Süßmeier, Reventlow-Archivar.

Steht auch der Urenkelin gut: Orig. Damenkappe von Franziska zu Reventlow aus dem Archiv-Süßmeier

Steht auch der Urenkelin gut: Orig. Damenkappe von Franziska zu Reventlow aus dem
Archiv-Süßmeier.

Die Gräfin liebte frische Blumen - das soll auch an der Grabstätte so sein! Herbert Süßmeiers Archiv Reventlow kümmert sich darum.

Die Gräfin liebte frische Blumen – das soll auch an der Grabstätte so sein! Herbert Süßmeiers Archiv Reventlow kümmert sich darum.

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