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ARCHIV
„Blau machen“ in Erfurt
Die Versuchung
Yadegar Asisi in Leipzig
Ausfahrt ins Isartal
Frühlingsausflug nach Memmingen

Schwangau - die Legende des heiligen St. Koloman
Das Münchner Geisterl und der Viktualienmark
Danzig – Reise in die einstige blühende Hanse- und Handelsstadt

Wien - nur du allein …
Das Jena-Wochenende
Ausstellung und Lesung in der Autorengalerie
´s Münchner Herz - Stars im Prinze

Haus des Staunens.
Fotos: Ysabelle Sauer-Saaliste

Künstlerstädtchen Gmünd in Kärnten

Von Ysabelle Sauer-Saaliste, www.ysaluma.de
Wir waren schon öfter hier, aber meistens nur für ein paar Stunden, auf der
Durchreise. Diesmal haben wir uns ganz bewusst in Gmünd einquartiert, im Gasthaus Kohlmayr. Es war nicht so einfach ein Zimmer zu bekommen, ist ja auch Ferienzeit und alle Urlaubshungrigen sind unterwegs. Dazu ein herrlicher und sonniger Sommer, wie wir von früher her schwärmten. Natürlich sind wir wieder mit dem Zug gefahren, die Bahncard zahlt sich heuer voll aus.


Unser Übernachtungsdomizil, ein traditionsreiches historisches Haus, schmückt das Stadtbild dieser entzückenden mittelalterlichen Stadt, und ist bereits im 15. Jahrhundert in Schriften erwähnt. Es steht gegenüber vom Rathaus und Tourismusbüro, direkt am Hauptplatz. Die Zimmer sind recht hübsch gestaltet, mit sehr schönen Originalbildern, Zeichnungen, Grafiken diverser Künstler. Jeder Raum ist ein Unikat. Betritt man das Haus, hat man fast das Gefühl, in ein Heimatmuseum einzutreten. Der große Salon im ersten Stock ist mit Holz vertäfelt, in gemütlicher Atmosphäre sind allerhand antike Gegenstände drapiert, im Schaukasten alte Gewänder zu sehen, ein bunt bemalter Bauernschrank versetzt einen in die gute alte Zeit zurück - aber alles wirkt und ist frisch und sauber.

Unser erster Gang führt gleich in die Ausstellung "Joan Miró - die Poesie der Farbe" in der Stadtturmgalerie im südlichen Stadttor. Ich bin sowieso große Bewunderin und Verehrerin von Joan Miró und seit meiner Studentenzeit gehören er, wie auch der Schweizer Grafiker Herbert Leupin und Tomi Ungerer, zu meinen Vorbildern und "Lehrmeistern". Diese Ausstellung hier läuft noch bis zum 1. Oktober 2017 und ist unbedingt sehenswert. Allein schon das Ambiente in diesem Turm, über mehrere Etagen hinweg, mit Holztreppen verbunden, lässt einen in Muße das druckgrafische Werk von Miró, die farbintensiven Lithografien, Holzschnitte und Radierungen aus drei Schaffensjahrzehnten genießen. "Es gibt drei Formen, die mich ständig verfolgen: ein Kreis, der Mond und ein Stern", so sagte Miró, und "warum die Farben vermischen, wenn sie als reine Grundfarben stärker und klarer zu uns sprechen".

Diese seine Devise ist sehr stark zu spüren, die Klarheit der Formen, die fast archaisch anmuten, reduziert auf das Nötigste, die Farbakzente konkret gesetzt, mit schwarzem Strich als Umrandung oder Verbindung, oder als Fläche in Konkurrenz gesetzt - Spannung und Ruhe, Licht und Dunkel, Fläche zu Linie - immer gegeneinander kontrastierend, um eine gewisse Erregtheit, aber auch Harmonie zugleich ins Bild zu bringen. Die Formen sind erkennbar, nicht zu abstrahiert, aber doch losgelassen von der Gegenständlichkeit. Die Symbole der Himmelskörper scheinen immer wieder hindurch, Sonne, Mond, Sterne doch auch Natur - Baum und Tiere, vor allem Vögel aber auch Menschen, bevorzugt die Frau. Beschäftigte sich Miró noch zu Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit vorwiegend mit Malerei und Grafik und Collagen, reichen seine späteren Kunstproduktionen hin zu Skulpturen, Keramiken und auch Teppichen (1974 für das World Trade Center, das es aber seit 2011, nach Einsturz der Zwillingstürme nicht mehr gibt). Ein alter Freund von mir, der bereits verstorben ist, besaß einen herrlichen "miróistischen" Wandteppich - ich erinnere mich deshalb immer gerne daran, weil ich bei Besuchen zumeist vis-á-vis des Wandbehanges gesessen und mich da hinein geträumt habe. In dieser Ausstellung allerdings sind diese Werke nicht präsentiert.

Am Abend, wir hatten von Kunst noch nicht genug und waren noch sehr aufnahmefähig für mehr, haben wir die Vernissage im Neuen Schloss Lodron besucht, sehr originell. Im Innenhof konzertierte auf ihrem diatonischen Akkordeon Susanne Grünewald, ihre beiden Söhne begleiteten sie auf der Klarinette und Trompete mit alten Kärntner Melodien und auch zünftiger Volksmusik - stimmungsvoll, stimmungmachend. Im Schloss selbst, heute sind Schule und Bücherei mit untergebracht, findet der jährliche Kunsthandwerksmarkt statt - erstaunlich, wie viele Künstler und wahrlich gute Hobbykünstler es hier gibt, und die große Vielfältigkeit der ausgestellten Werke, von Holzschnitzerei über Glaskunst bis zu den sehr tüfteligen und hinreißenden Klosterarbeiten der Künstlerin Ludmilla Peintner. Hier habe ich mal wieder voll zugelangt und mein armer Mann musste tief in seinen Geldbeutel greifen. Im Schlosshof wurde dann bis Mitternacht gefeiert, bei berauschendem Wein in mildschwüler Abendluft in heller Fröhlichkeit, unbeschwert - Gott sei Dank war unser Weg zu unserem Refugium so nah.

Tags drauf haben wir die obligate Wanderung gemacht, zum Kalorienverbrennen und zwecks "Hirnreinigung", aber auch um die herrliche Berglandschaft zu betrachten, durchs nördliche Tor zur Alten Burg Gmünd und weiter zur Lodron’schen Gruft, den Hügel steil hinauf nach Treffenboden. Ein märchenhaft anmutender Ort, urig, man fühlt sich zeitversetzt um hundert Jahre zurück. Der Gockel kräht, die Hühnerdamen gackern, kühlende Kuhlen im Sandboden laden im schattigen Freilaufstall das gefiederte Volk zum Verweilen ein, im Nebenstall picken die Hühner und Hähne nach Würmern und Korn - Natur pur in Fülle und Wohligkeit.

Am Nachmittag haben wir uns die vielen Kunst- und Schmuckwerkstätten, Pavillons, Ateliers, Galerien, Studios in dieser kunstsprühenden, von kulturellem Leben pulsierenden Stadt angeschaut, kreative Schöpfungen betrachtet und bewundert. In jeder Gasse häufen und finden sich kleinere und größere Kunstschätze, die Hauseingänge sind liebevollst gestaltet, Blumen überall, bunte Fähnchen wehen über die Straßen, aufgehängte Instrumente dazu, selbst die Abfalltonnen sind so untergebracht, dass sie als künstlerisches Objekt getarnt sind. Große Artefakte aus Stein, Metall, Holz oder anderen Materialien zieren nahezu jeden Winkel der Stadt - mir kommt es immer so vor, als würde ich in ein verzaubertes
Märchendorf schweben.

Unterhalb der Burg befindet sich das Porschemuseum, mit über 40 Modellen. Das Porschewerk Gmünd war von 1944 bis 1950 Konstruktions- und Produktionsstätte. Ferdinand Porsche hatte auf Befehl der NS-Regierung den Sitz von Stuttgart nach hier, in das von Bombenangriffen verschonte Kärnten, gelegt. 1948 wurde in Gmünd mit dem Porsche 356 Nr. 1 Roadster das erste Auto mit dem Namen Porsche hergestellt. Ein Anreiz für die Herren nach Gmünd zu fahren oder einen Zwischenstopp einzulegen auf dem Weg in den Süden.

Heute gab es wieder eine Gemeindefeier, das "Gassl-Fest" am Pankratiusplatz: der älteste Gesangvereins Österreichs (MGV) hat dieses Fest ausgerichtet, mit Biertischen und Bänken, großem Grill, erfrischendem Bier, Weine aus der Gegend - alle haben sie zusammen geholfen, diese Veranstaltung zum Gelingen zu bringen. Was auch so war. Die Sänger des Chores unter der Chorleiterin Carolin Gritzner haben ein kurzes aber gutes Konzert gegeben, mit Kärntner und klassischen Liedern und Weisen, so schön. Schade, dass es kein "La Montanara" gab, das hat mit schon als Kind so gut gefallen, überhaupt Männerchören könnte ich ewig lauschen ...

Gleich neben diesem Festort ist das "Pankratium", ein besondere Ausstellung zum "Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken, Empfinden ... und Staunen", ein Sinneserlebnis vom Feinsten. "Erfahren kann man das Haus nicht, man muss es erleben" - so das Besucherurteil. Und es ist wirklich so - schwer zu beschreiben, was man hier wie durchleben kann, die fühlbaren Erfahrungen, die einen fast Loslösen lassen vom irdischen Dasein und in Sphären hinein schwingen, die faszinieren, mit Klängen und Schwingungen, die durch und durch gehen, auch in Verbindung mit dem Element Wasser, atemberaubende Klangfiguren entstehen, die eigene Stimme im Hall als Klangbild sichtbar gemacht - das möchte ich gerne noch einmal erleben.

Gmünd ist zwar klein, hat aber so viel zu bieten , dass die drei Tage schlicht zu kurz waren für all das, was wir besichtigen, erwandern und erleben wollten. Und deshalb fahren wir ganz bald wieder hierher.

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Kunstarbeit.

Kunst am "Gast"-Haus.

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Haus des Staunens – Klangwelten.

Miróausstellung.

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Haus des Staunens – Sinne.

Blick vom Südtor.

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Gmünd urig.

Frau Paintner und
ihre Klosterarbeiten.

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Musikanten.

Burghof.

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"Locken"-Gänse.

Alte Burg.


Berlin und wir - Teil II

Von Ysabelle Sauer-Saaliste, www.ysaluma.de
Am Samstag haben wir auf dem Weg zum KaDeWe selbstverständlich an der
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche einen Stopp eingelegt - gerade hat ein etwa fünfzigköpfiger Chor Kirchenlieder geprobt, das Sonnenlicht strahlt durch die zartbunten Bleiglasfenster und lässt die Kirche in einem Himmelblau erstrahlen, wir lauschen dem Gesang und lassen diese Mystik auf uns wirken. Ich zünde meine obligaten Kerzerl an und eine kleine Spende für den Kirchenerhalt kommt auch dazu. Draußen, hinter der Kirche am Breitscheidplatz haben wir der Attentatsopfer vom letztjährigen Christkindlmarkt gedacht - an einem roten Kerzenmeer.

Im KaDeWe lockt natürlich die gigantische Feinschmeckeroase in den beiden obersten Etagen. Jedes Gericht wird frisch zubereitet, die Antipasti - eine Vielfalt köstlichster Gaumenkitzeleien, die Kuchen und Torten lassen uns in Verzückung geraten. Unten ist die wohl größte und exklusivste Parfumabteilung aller Kaufhäuser zu finden und natürlich hat mir mein Mann meine Hermès Lieblingsdüfte spendiert, die ich dann in der tollen KaDeWe-Tüte für den Rest des Tages mit mir rumschleppen durfte.

Am Wittenbergplatz, gleich neben dem Kaufhaus, stehen im Karree um den Brunnen herum buntbemalte Bären. "Die Kunst der Toleranz" ist der Titel dieser Aktion. Künstler aus allen von der Unesco anerkannten Ländern der Welt haben einen Bären gestaltet, der als Friedens- und Toleranzzeichen gelten soll. Wir sind weiter zum Regierungsviertel, zum Brandenburger Tor, wo gerade ein kleines französisch-deutsches Fest stattgefunden hat, zum Nationalfeiertag der Franzosen. Kinderchöre haben in verschiedensten Sprachen gesungen, internationale Spezialitäten wurden an Speisebuden verkauft -- und an einem sehr großen Stand gab es französische und deutsche Schallplatten, bestens erhalten in nostalgischen Covern -
Edith Piaf - la vie en rose.

Wir sind durch das Stelenfeld, das Holocaustmahnmal, gelaufen. Ein Labyrinth aus Steinblöcken, grauen Betonelementen in verschiedensten Größen, wuchtig, aber nicht erdrückend, gigantisch im Ausmaß. Manche stehen schief, Jugendliche und Kinder klettern und gehen darauf über die Zeilen, andere sitzen in sich gekehrt auf den Blöcken. Wir haben auch den "Raum der Stille" aufgesucht, links am Brandenburger Tor, ein karger, absolut stiller Raum, in dem man sich zurückziehen und die Eindrücke von außen im Innern verarbeiten und einfach innehalten kann. Für alle Konfessionen gedacht. An der Wand hängt eine Webarbeit, ein reliefartiger Wandteppich, in der Mitte ein strahlender Kreis (der Mond, die Sonne, das Zentrum?), die Riefen sehen aus wie Baumstämme, mitten im Wald, eine Lichtung. Ein Ort der Ruhe, der Stille, des Friedens, mitten im Trubel und Gewusel. Eine tolle Idee.

Am Abend waren wir beim sommerlichen Gartenfest der Redaktion einer bundesweiten Wochenzeitung eingeladen, im alten Wasserwerk. Fein herausgeputzt und schön gemacht in festlicher Robe, aber ohne Regenschirm, hat uns dann der Schauer überrascht und erhascht, und gleich ist es empfindlich abgekühlt, aber das Fest war lustig und der Wein spritzig, die Gespräche intensiv, die Musik prima, und der Abend verlief schnell in den Morgen über.

Für den Sonntag haben wir das traditionelle Berliner Sonntagsziel ausgesucht -"pack die Badehose ein … spring in den Wannsee hinein" - allerdings bei eher grauem Himmel und fehlendem Sonnenschein kein Vergnügen. So sind wir schnurstracks nach Potsdam durchgefahren, was eine gute Entscheidung war. Wir sind über die Brücke direkt ins Zentrum zum alten Markt gelaufen - faszinierender Anblick, weitläufig und zauberhaft schön, wie ein Gemälde von Canaletto hat es auf mich gewirkt. Im 18. Jahrhundert wurde der alte Markt unter Friedrich dem Großen zur römischen Piazza umgestaltet und alle Bauten mit neuer Fassade versehen. Wir sind als erstes in die evangelische Nikolaikirche gegangen, an der Fassade sind über dem Eingangsportal die acht Seligkeiten eingemeißelt. Der Altar mutet byzantinisch an und erinnert mich an König Ludwigs Traum von seinem Schlafgemach unter der Rundkuppel, von ionischen Säulen getragen und gestützt. Die Kirche wirkt auf mich wie eine katholische, durch Symbole und unter anderem auch wegen der Lichterbank, an der ich natürlich meine Kerzen angezündet habe.

Mitten auf dem Alten Markt steht der Obelisk, der mit russischem Marmor 1979 restauriert wurde. Im zweiten Weltkrieg haben hier nur einige Gebäude die Bombardierungen überstanden. Die Stadtverwaltung hat dann 1990 beschlossen, das Stadtbild wieder an die historische Gestalt anzupassen. Wir gehen einmal um den Platz herum, vorbei am Stadtschloss, in dem heute der Brandenburgische Landtag sitzt, dem Rathaus mit vergoldeter Atlasstatue, hinüber zum Museum Barberini, das heuer im Januar eröffnet hat. Ich wollte eigentlich schon im Frühjahr hierher. Vor paar Tagen hat die Ausstellung " Hopper bis Rothko" begonnen, ein Überblick über die nordamerikanische Malerei Anfang des 20. Jahrhunderts - Landschaften, Portraits und Stadtansichten. Sehr sehenswert und mir besonders gut gefallen haben im Parterre im B-Flügel die Künstler aus der DDR - eindrucksvolle Werke, die tief
n der Seele bohren.

Das Tröpfeln hat aufgehört und mit der Hoffnung auf ein bisschen Sonnenschein sind wir am Wannsee angekommen und haben uns mittels Taxi zum Haus der Wannseekonferenz kutschieren lassen. Diese Gedenk- und Bildungsstätte ist ein historischer Ort. In der ehemaligen Fabrikantenvilla, die der SS als Gast- und Tagungsstätte genutzt hat (1941 - 1945) hatten hochrangige Vertreter der SS, NSDAP und verschiedener Reichsministerien die Kooperation bei der geplanten Deportation und Ermordung der Juden besprochen. Man bräuchte viel mehr Zeit um diese Dauerausstellung zu "durchzulesen", begleitet mit Foto-
und Filmmaterial.

Wir wollten ja noch zum Max Liebermannhaus, das in derselben Straße etwa 800 Meter entfernt steht. Hier hat der jüdische Maler und Fabrikantensohn sein Sommerdomizil gehabt, ein prächtiges Stück Grund, direkt am Wannsee gelegen und sehr groß und der Garten mit seinem Blumenmeer, den Gemüsepflanzen und dem Rosenbogen, erinnert an einen botanischen Park. In unmittelbarer Nachbarschaft lebten Springer und Langenscheidt. Diese Großindustriellenvillen zeugen von ehemaligem Standesdünkel, von Reichtum und Pomp. Wie haben sich diese Herrschaften damals aufgeregt, als 1910 das "Baden für alle" erlaubt wurde, und gegenüber am See die erste Badeanstalt eröffnet hat und die Berliner Arbeiter an den Wochenenden zum Entspannen und Feiern an "ihren" Wannsee gefahren sind. Vom "Mob" haben die Herrschaften gesprochen. Heinrich Zille, ein Freund Liebermanns, war hier in dieser Sommerresidenz oft zu Gast und hat diese typischen (Bade)szenen in Zeichnungen dokumentiert - das "angebliche " Proletariat - sozialkritisch, die "feine" Gesellschaft" überheblich und arrogant. Ich bin ein großer Zillefan und liebe seine Karikaturen, Zeichnungen, seine Darstellungen des Berliner Alltags.

Ein "denkwürdiger" Tag war es für uns, zum "Nach"denken,
zum "Über"denken, zum "Ge"denken.

Unser Finalabend war natürlich am Kudamm 195, nachdem wir vorher nicht gut im "Go Sylt" gegessen haben, den wir, von der Aufmachung her, irrtümlicherweise für "Gosch" gehalten haben, unseren "Gosch" von der Insel Sylt, der dieser Tage sein 50-jähriges Bestehen feiert. Mein Lachsfilet zum Beispiel war innen kalt, weil aufgetaut, geschmacksneutral, der Obsteisbecher mit Vanilleeis meines Mannes greislich - das "Obst" waren Melonenstücke (Kürbisgewächs = Gemüse) und klein gehackte Apfelstückchen. Aber auf Kudamm 195 haben wir noch einmal gewaltig zugeschlagen, mit Schultheißbier und Rotwein, Sekt, Currywurst und Schaschlikspieß, Pommes mit Mayo, Schmorzwiebeln und Schrippen - köstlich, herrlich, gut.

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Im KaDeWe.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

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Stelen, Holocaustmahnmal.

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Bemalte Bären - Kunst der Toleranz.

Berlin und wir - Teil I

Von Ysabelle Sauer-Saaliste, www.ysaluma.de
Unsere Hauptstadt ist wirklich schön. Und sehr beeindruckend. Und so herrlich viel Grün. Und imposante, vielfältige Architektur. Mit gut 3,5 Millionen Einwohner auf einer Fläche von knapp 900 Quadratkilometern ist es für uns Münchner nicht so leicht, diese flächenmäßige Großzügigkeit zu verstehen. Große, breite Alleen, Chausseen, Straßen , zum Teil mehr als 50 Meter breit, Bürgersteige so weit ausgedehnt, dass man locker zu zehnt nebeneinander schlendern kann, und auch die Radwege sind extrem großzügig angelegt.

Ein verlängerter Wochenendtrip mit Freunden hat uns nach Berlin geführt. Nahezu jedes Jahr besuchen wir zu den verschiedensten Jahreszeiten die Stadt, zu sehen gibt es immer mehr als genug, Langeweile kommt hier niemals auf. Der erste Weg führt uns immer zum Kudamm 195, neben Konopke am Alexanderplatz die beste Currywurst“bude". Das Schaschlik schmeckt, die geschmorten und fetttriefenden Zwiebelringe mit scharfer Sauce noch mehr, dazu Pommes frites und ein herrlich kühles Schultheißbier - schon ist der Magen gefüllt und gestärkt
kann es losgehen.

An unserem Ankunftstag nach sechsstündiger Fahrt im Zug haben wir nicht mehr all zu viel unternommen, haben Berliner Freunde getroffen im einstigen Tattersall, dem Diener, die traditionelle Künstlerkneipe am Savignyplatz, in der mein Mann vor langer Zeit Bob Biberti von den Comedian Harmonists angetroffen hat. Hier wurden auch Szenen aus dem Film "Cabaret" gedreht. An den patinabehafteten Wänden hängen zahlreiche Porträts einstiger Berühmtheiten mit Autogramm versehen, Karikaturen bekannter Zeichner, unter anderem auch von George Grosz. Hier drinnen ist es urig und noch so richtig berlinerisch geht es zu. Es gibt Buletten mit Bratkartoffeln, Königsberger Klopse wie von Großmutter gemacht, Spreewalder Gurken und das Brot ist frisch und knusprig gebacken. Man klönt und fühlt sich wohl, beim Heimgehen zu unserem Hotel California, direkt am Kurfürstendammhaben, wir noch einen kleinen Umweg gemacht zur Hausnummer 195, für einen Absacker mit Champagner und Prosecco und edlem Digestif-Gesöff, samt Currywurst und eben alles, was dazu gehört. Pappsatt sind wir
in die Betten gefallen.

Am Morgen danach - das typische Berliner Wetter, nämlich der aus dem Osten blasende Wind, der die Wolken vertreibt, aber dafür mehr als erfrischend durch die Straßen fegt, hat die heißen Münchner Sonnenstrahlen schnell vergessen lassen. Also haben wir uns in den Sightseeing-Bus gesetzt und die große Tour gebucht, erst durch den Westen und dann durch den Osten der Stadt, vorbei an der "Mauer-Galerie", dem Alex, durch Kreuzberg,
Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Potsdamer Platz, wo die erste Ampel Deutschlands steht am einstigen in den 20er Jahren verkehrsreichsten Platz Europas . So ist fast ein ganzer Tag vergangen, mit Ein- und Aus- und Umsteigen und Warten auf den Bus.

In der Ackermannstraße haben wir den Bus verlassen, am Hochhaus ist das Bild des Soldaten, der in letzter Sekunde vor Grenzschließung über die Stacheldrahtrolle in den Westen springt. Besonders beeindruckt haben mich hier die Mauerreste an der evangelischen Kapelle der Versöhnung und am Sophienfriedhof. Dieses Areal steht heute unter Denkmalschutz. 1985 wurde die Sophien-Kirche gesprengt, weil der Symbolgehalt der eingemauerten evangelischen Versöhnungskirche die SED-Funktionäre gestört hat. Drei Glocken sind übrig geblieben und das mittlerweile verrostete Kirchturmkreuz, das Bauarbeiter seinerzeit geborgen und versteckt gehalten haben - heute ist es neben der Kapelle zu sehen. Mitten im Park sind Stahlwände errichtet mit Nischen, darauf prangen Fotos und die Namen der Menschen, die bei der Flucht in den Westen getötet worden sind. Am Boden erinnern rechteckige Stahlplatten an die unterirdischen Fluchtwegetunnel, kleine runde Platten sind im Rasen verteilt, mit Aufschriften, zum Beispiel "26.10.1962, A 304, Flucht, zwei Personen", am Eingang steht hinter Holzwänden mit Sehschlitzen, noch ein Original Wachturm. Wenn man hier durch die Bretterschlitze blickt, sieht man den einstigen Todesstreifen, einen Mauerrest, einen zerborstenen Scheinwerfer, irre groß waren die damals, ein beklemmendes Gefühl beschleicht mich.

Wie viele Menschenschicksale und -Leben hat dieser innerdeutsche Mauerbau in Verzweiflung und Not gestürzt, wie viel Herzeleid musste ertragen werden, wie viele Tränen sind
geflossen - wie schwer muss die Bürde für die Menschen gewesen sein, dass sie zu flüchten versucht haben, selbst auf die Gefahr hin, dabei umzukommen. Wie groß war die Hoffnung , im Westen einen Neubeginn zu starten - und wie viele Menschen haben es geschafft, rüber zu kommen, ohne verpfiffen worden zu sein oder belauert, von der Stasi verfolgt. Wer hat wem getraut und vertraut. Wir haben mit einem Arzt gesprochen, der uns erzählt hat, dass er seinerzeit mit einem Freund nach Ungarn gefahren ist und von dort in eineinhalb Tagen durch den Neusiedler See nach Österreich geschwommen ist, wie er zur deutschen Botschaft gebracht worden ist und dann nach Deutschland kam. Viele gelungene Fluchten wurden
nie publik gemacht.

Wir streifen über das Gelände, einige Stellen sind mit rotweißen Bändern eingegrenzt, weil sich hier der Boden gesenkt hat, verursacht durch die einstigen Fluchtgänge, die die Menschen gegraben haben, um noch in letzter Minute in den Westsektor zu gelangen, bevor der Mauerbau begonnen hat, aber die Stacheldrahtwälle schon bestanden haben. Übrigens gibt es am Check Point Charlie als Dauerausstellung "die Mauer in 360°" im Panometer zu sehen, von Yadegar Asisi. Hier sind Szenen dargestellt aus dem Alltag im geteilten Berlin, ein fiktiver Tag im Herbst, in den 80er Jahren, das alternative Leben in Berlin West, mit Punks und Kioskbuden, besetzten Häusern und streunendem Hund, die Mauer vor Augen mit Blick nach drüben - gewaltig, bombastisch. Dazu geräuschvolle Musik, passend zum Motiv, dieselben Szenen durch Lichtänderungen zu Nachtimpressionen verwandelt . Im Vorraum gibt es noch eine Fotoausstellung zu betrachten.

Schräg vis-à-vis befindet sich das Mauermuseum, das 1962 eröffnet worden ist, in dem die Geschichte der Mauer und die Teilung der Stadt bestens dokumentiert sind. Der Gründer des Museums, Dr. Rainer Hildebrandt, sagte: "So nahe wie möglich am Unrecht sein, dort entfaltet sich die menschliche Größe am stärksten" und damit wollte er auf diese Weise seinen Protest gegen die Mauer zum Ausdruck bringen . Die ausgestellten Elemente im Museum sind die originalen Fluchtobjekte der gelungenen Fluchten, wie Fluchtflugzeuge, Boote, der berühmte Heißluftballon, Fluchtautos und mehr und hier wurden auch Fluchten geplant. Der Checkpoint Charlie ist wohl die berühmteste Schreckensstrecke, die gefürchtestte Grenze gewesen, mit seiner eigenen Geschichte. Heute ist die ehemalige Kontrollstation ein beliebtes Fotomotiv, vor allem Amerikaner lassen sich hier gerne fotografieren.

Am Abend wollten wir gerne in den Friedrichspalast gehen zur "The One", die Grand Show, eine glamouröse Revue mit etwa 500 Kostümen von Jean Paul Gaultier entworfen, aber leider hatte das Theater Ferien, so dass wir wieder im Diener eingekehrt sind. Wir haben uns den Matjes auf Pumpernickel und Bratkartoffeln mit Spiegelei schmecken lassen und haben anschließend unsere gestrige Tour, inklusive spätnächtliches Speisen und Finalschluck im "Bier’s 195", wiederholt. Der Heimweg kam uns schleppend lang vor - eine gute Nacht.

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Checkpoint Charlie.

Mauer.

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Architektur.

Plakette, im Boden eingelassen.

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Am Spreeufer.

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Am Mauerdenkmal.

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Mauerdenkmal.

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Kirchenkreuz.

Bronze: Versöhnung.

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Bernauer Straße.

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Blick durch den Holzverschlag
in Zonenstreifen.


Füssen - König Ludwig II - unser Kini

Von Ysabelle Sauer-Saaliste, www.ysaluma.de
Jedes Jahr im Sommer ist Ski-Radl-Freundetreffen, Freunde aus der Ski-Herren-
Gruppe meines Mannes. Seit gut 30 Jahren sausen die Herren die Hänge und Pisten hinab und mit zunehmendem Alter hat sich der eine oder andere mehr oder weniger schlimm verletzt. Im Sommer durften wir Frauen dann mit, zum Sommer-Radeln-
Treffen. So waren wir sportlich aktiv unterwegs, haben herrliche Touren gemacht, bis auch hier sich die Unfälle gemehrt hatten, zum Teil mit schlimmen Folgen. Vor einigen Jahren haben wir dann beschlossen, den Sommersport zu lassen, dafür verabreden wir uns dann irgendwo in Deutschland in einer Stadt und besichtigen diese und genießen Kultur pur, die köstlichen Speisen der regionalen Küchen und die meist weinlastigen lustigen Gesprächsabende. Heuer haben mein Mann und ich dieses Treffen ausgerichtet und zwar in Füssen, meiner Lieblingsstadt im Bayerischen Land und sozusagen mittlerweile auch meine zweite Heimat - hier fühle ich
mich einfach wohl.

Und der liebe Petrus hat uns auch einwandfreies Wetter präsentiert. Als wir allerdings zum Schloss Neuschwanstein raufgefahren sind und ein Stückchen weiter oben die seit acht Monaten neu restaurierte Marienbrücke, die über die Pöllatschlucht führt, betrachtet haben, da mussten wir unsere Regenschirme aufmachen und die Regentropfen platschten ziemlich heftig als kurzer Schauer auf uns herab. Einige "Schwindelfreie" haben sich auf die Brücke getraut und die, auf mich unheimlich wirkende, Schlucht überquert - der Blick auf das Schloss ist von hier aus einmalig schön - ich aber nicht, weil es in meinen Kniekehlen gekribbelt hat und meine Beine sich wie Pudding angefühlt haben. Dann hat es schlagartig zum Regnen aufgehört und um punkt zwölf Uhr schickte die Sonne ihre goldenen Strahlen auf uns herab.

Von der Marienbrücke zum Schloss sind es nur ein paar Schritte, mit fantastischen Aussichtspunkten über das Allgäuer Land, die Berge und Seen und Schloss Hohenschwangau, das elterliche Schloss Ludwigs, wo er von seinem Zimmer aus die Vorder- und Hinter-Hohenschwangauer Burgruine im Auge hatte, das er später zu seinem Märchenschloss (Neu)Schwanstein bauen ließ. Leider hat er das Bauende nicht mehr miterleben können. Ludwig, der Märchenkönig, der Monarch, der Mensch! Wie viele Bücher wurden schon über ihn veröffentlicht - unser Lieblingsbuch aber ist und bleibt "Ludwig, lieber Ludwig - ein Versuch über Bayerns Märchenkönig" von Horst Krüger, der zugleich von meinem Mann und mir unser hoch favorisierter Schriftsteller ist. In seinem Roman "Das zerbrochene Haus - eine Jugend in Deutschland" hat er seine Jugend zur Zeit des Dritten Reichs verarbeitet, als impressionistischer Reiseschriftsteller erzählt er in "die Frühlingsreise" wie der Frühling von Portugal aus nach Norden wandert, über die Provence. Alle seine Werke dürfen wir unser eigen nennen, leider gibt es diese nur noch antiquarisch zu beziehen.

Wenn man bedenkt, dass im Hause des Königs Max II. und seiner Frau, Königin Marie, strengste Erziehungsmaßnahmen galten, die Söhne Ludwig und Otto sich zum Beispiel nicht satt essen durften und zeitweise sogar hungern mussten (die alte Zimmermagd Liesl hat Ludwig heimlich Reste ihres Essens zugesteckt) oder Ludwig vom Vater verprügelt wurde, Lieblosigkeit oder Liebesentzug zum Erziehungsdrill gehörte, kann man in etwa ermessen, wie der sensible Ludwig aufgewachsen ist. Das Wort "Liebe" durfte in dem strengen Hause nicht ausgesprochen werden. Wenn der Schriftsteller Paul Heyse oder der Dichter Hermann Lingg zum Vorlesen zur königlichen Familie geladen wurden, durften diese nur Texte vortragen, in denen das Wort "Liebe" nicht vorkam, aber auch Liebesgedichte waren nicht erlaubt. Durch diese Kindheit war Ludwig zu einem einsamen und in sich gekehrten Menschen geworden, der seine Sehnsüchte nach Freundschaft und Liebe allein in seinem Herzen trug. Er hatte viel gezeichnet, sich technische Erfindungen ausgedacht, Skizzen von Burgen und Schlössern angefertigt, mit Bauklötzen fantastische Anlagen gebaut - eigentlich wäre sein Traumberuf wohl der eines Architekten gewesen. Was "Geld" ist, wie "Geld" aussieht, was "Geld" bedeutet war Ludwig nicht beigebracht worden. Seine erste Geldbörse bekam er von seinem Vater zum 18. Geburtstag geschenkt, mit je einer der gängigen Münzen darin. Heinz Gebhard schreibt, damit wollte Ludwig beim Hofjuwelier verschiedenste Pretiosen kaufen, als Geschenk für seine Mutter Marie ( doch das Geld reichte nicht). Knapp acht Monate später nach dem Tod seines Vaters wurde Ludwig, der schöne Jüngling, "im Herzen rein und unverdorben", zum König gekrönt - erfahrungslos im Umgang mit Geld, Militär, Finanz- und Wirtschaftsfragen - und Menschenkenntnis besaß er auch keine.

Ich stehe vor seinem Schloss, Neuschwanstein, imposant, verträumt, heroisch, verspielt - gegensätzliche Gefühle und Gedanken durchfluten mich. Bei der Führung durch das Schloss verfalle auch ich in Träumereien und fantasiere mich in Ludwigs Zeit hinein. Unbeschreiblich schön, aber auch sehr, sehr duster ist es hier drinnen. Der damaligen Zeit weit voraus ist hier im Schlossinneren modernste Technik zu finden, wie zum Beispiel eine batteriebetriebene Klingelanlage, fließend Wasser, eine Toilette mit automatischer Spülung (unter König Ludwig wurde der erste " Lehrstuhl für Hygiene" eingerichtet), ein erstes Telefon von Siemens, das allerdings nur bis Hohenschwangau reichte und im Cafe, beim Ausgang , sieht man die gusseisernen Doppel-T-Träger (nicht wie seinerzeit üblich aus Stein), zur besseren Gewichtsverteilung des darüber liegenden Thronsaales. Ludwig II war mit Hilfe von Fachliteratur technisch stets auf dem neuesten Stand.

Die Wandgemälde spiegeln Szenen aus alten deutschen und nordischen Sagen, jedes Zimmer eine andere Mär, von Kriemhild über Motiven aus Bühnenbildern von "Tannhäuser" und "Lohengrin", in meinem Innern vernehme ich die Musik von Richard Wagner, wobei mir da einfällt, dass dieser ja niemals in diesem Schloss hier war, nur in Schwangau, wo in Ludwigs Zimmer auch das Piano steht, auf dem Wagner seinerzeit komponiert und gespielt hatte und sich von seiner Majestät bewundern (und hofieren) ließ. Wagner - Ludwigs große Liebe? Ludwig hatte ein Faible für das Mittelalter und alles, was mit Ritterburgen und Festungen zusammenhing. So hat er beispielsweise seinen "Sängersaal" dem der Wartburg nachempfunden, allerdings größer und prächtiger als das Original, diesen aber nicht für Feste oder Vorstellungen genutzt - nur für sich allein. Einen Wohnraum (Kabinett) ließ er zu einer kleinen künstlichen Grotte ausbauen, mit farbiger elektrischer Beleuchtung und einem echten Wasserfall, ein zauberhafter Miniwintergarten mit grandiosem Panoramablick würde auch heute gerne zum Verweilen einladen, ist aber nur für die Geister des Schlosses erlaubt. Für die Blaue Grotte wollte Ludwig ein ganz bestimmtes Blau haben, ein blaueres Blau, ein königsblaues Indigoblau, und beauftragte nach vielen Fehlversuchen (auch das Erfurter waidblaue Indigo fand seine Gnade nicht) die badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) dafür. Diese stellten ein künstliches Indigoblau her, das den König befriedigt hat. Ohne "den beharrlichen Wunsch des Königs, gäbe es heute wohl keine Blue Jeans", denn für die Färbung seiner Baumwollhosen bestellte Levi Strauss eben jene Farbe bei BASF, die das künstliche Indigoblau sieben Jahre nach Ludwigs Tod zum Patent angemeldet hatten.

Wir werden relativ schnell durch das Schloss geschleust, im Fünf-Minutentakt darf jede Gruppe ehrfürchtig durch diese Gänge schreiten, erst allerdings eine ewig lange Wendeltreppe (die Dienstbotengänge) in einem der Türme hinauf und dann auf der anderen Seite wieder ellenlang hinab. Zwischendurch kann man einen schnellen Blick durch die Fensterluken werfen und die Landschaftseindrücke in ihren wechselnden Panoramen aufsaugen, die Marienbrücke in sonst nicht einsehbarem Winkel, die tiefe, geheimnisumwitterte Pöllatschlucht mit rauschendem Wasserfall, das Schloss Hohenschwangau mit Blick in Ludwigs Zimmer, in dem noch immer sein Fernrohr steht, mit dem er im Nachthimmel mit den Sternen träumte, den Schlosshof von Neuschwanstein, das Torhaus, in dem Ludwig seinerzeit lebte und den Bau seines majestätischen Baus überblicken konnte, den Alpsee, auf dem Ihre Majestät nachts mit dem Nymphenschlitten über den zugefrorenen und verschneiten See kutschiert wurde, den Tegelberg und all die anderen Hügel, auf die er gewandert war - ein Einblick in die Gefühlswelt des "Kini", so kam es mir vor, wie eine kleine Reise durch sein Leben, hautnah - ich sehe heute das selbe, was Ludwig vor gut 150 Jahren gesehen hat, mich fröstelt es bei diesem Gedanken.

Ein Spazierweg führt uns nach Schwangau hinunter, wir schauen noch eimal rauf zu den Schlössern, dann rüber zum Säuling und dem Tegelberg. Ludwigs Mutter, Königin Marie, war eine begeisterte Bergsteigerin und ist sehr oft und viel gerade hier in dieser Bergwelt gewandert. Sie hat unter ihrem königlichen Kleid eine Wanderhose getragen, sie selbst hat diese erfunden, so konnte sie auf den steilen Hängen herumkraxeln. Auch auf dem Rundweg um den Alpsee ist ein "Marienstein", ein Denkmal für sie, gesetzt. Die Marienbrücke, die früher ein Steg aus Holzplanken war (man musste absolut schwindelfrei sein, um darüber zu gehen) und heute eine von Ludwig II entworfene innovative Stahlkonstruktion ist, trägt ihren Namen und diverse Pfade und Steige in dieser Umgebung auch. Noch heute geht die 14 km lange Tegelbergrunde auf sie zurück.

Im "Museum der bayrischen Könige" in Schwangau, welches ausgesprochen sehenswert ist, erhält man einen guten Überblick über die Herrscher in Bayern, das Haus Wittelsbach und viele Impressionen aus dem Leben von König Ludwig. Mir persönlich gefällt eine Präsentation am besten: König Ludwigs indigoblauer Prachtmantel mit Hermelin besetzt (daran erkennt man besonders gut seine körperliche Größe - 193 cm), man sitzt auf einer Bank davor und kann per Kopfhörer Richard Wagners Musik lauschen. Wie viel Zeit ich hier schon verbracht habe,
weiß ich nicht ...

Natürlich haben wir auch eine Stadtführung durch Füssen gemacht und ein Fleckchen entdeckt, das ich vorher noch nicht gesehen habe, im Sebastians - oder Alten Friedhof, das Grabdenkmal von (Johann)Domenico Quaglio, einer der bedeutendsten Architekturmaler der deutschen Romantik. Er wurde 1832 mit dem Wiederaufbau und der Ausschmückung von Hohenschwangau beauftragt, und kurz vor der Vollendung des Schlosses brach er auf der Baustelle zusammen und verstarb 1837 im Alter von 50 Jahren. Auf seinem Grabstein, noch gut erhalten, steht: "Dieses Denkmal weihte seinem Andenken der Kronprinz von Bayern". Dieser Friedhof, der sich an die Füssener Stadtmauer schmiegt, neben dem Franziskaner-
kloster, ist noch sehr gut erhalten und man findet außergewöhnliche Grabsteininschriften. Es werden die alten Berufsbezeichnungen genannt oder die "getreue Zweith-Gattin und geliebte Mutter", das 80-jährige "Fräulein ..." oder "die brave Jungfrau ...", "die Ökonomensgattin ...", man muss beim Lesen schon schmunzeln.

Verlässt man den Friedhof und wendet sich nach rechts, führt ein schmaler, kurzer Steig mit Kopfsteinpflaster belegt in die noch sehr gut erhaltene Altstadt. Schaut man nach oben sieht man das gotische Hohe Schloss (zu)Füssen und etwas tiefer thront das Kloster Mang, zusammen bilden sie die charakteristische Silhouette der Stadt. Sehr beeindruckend sind auch die spätgotischen Illusionsmalereien an den Türmen und Wänden des Schlosses.

Füssen - hier erleben wir noch das urige Allgäu, auf den Hängen und Wiesen grasen die Kühe mit ihren Kälbern und bimmelnden Glocken am Hals. Hier duftet es noch nach frisch gemähtem Gras und Heu. Bunte Wiesenblumen säumen die Wanderwege an den Seen, Wildblumen und Kräuter wuchern wild auf den Feldern entlang der Spazierpfade, Bänke unter uralten Buchen laden zum Verweilen ein, sogar Glühwürmchen schwirren in der Dämmerung um uns herum. Ich weiß, warum sich unser Kini hier in diesem reizenden Fleckchen Erde so wohl gefühlt hat, denn ich tu es auch und spüre die mystische Magie in meinem Herzen. Ja, hier fühle ich mich wie zuhause angekommen. Ludwig, lieber Ludwig ... Danke!

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Torbogen a.d. Stadtmauer.

Marienbrücke und
Schloss Neuschwanstein.

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Schloss Neuschwanstein.

Pöllatschlucht.

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Im Schloss.

Seitenansicht vom Schloss.

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Gusseiserner T-Träger.

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Blick auf Schloss Hohenschwangau.

Marienbrücke, Blick vom Turm aus.

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Stadtmauer im Franziskanerkloster.

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Gasse in Füssen.

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Altes Grab.

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Grab von Domenico Quaglio.

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Hohe Schloss Turm mit Illusionsmalerei.

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Grab am alten Friedhof.

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Am Alpsee.

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Hohenschwangau.

Wildblumen.

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